Laut der Speak! Studie der Philipps-Universität Marburg in Wiesbaden
werden etwa 50% der Jugendliche in der 9. und 10. Klasse in Deutschland Opfer sexueller Gewalt in Form von Beschimpfungen. Etwa ein Viertel wurde schon gegen ihren Willen angefasst und geküsst. Die Dunkelziffer dürfte hierbei höher liegen. Institutionen und Vereine sind oftmals in Bezug auf dieses Thema in einer reaktiven Rolle, was bedeutet, dass erst ein Kind leiden muss, erst die Katastrophe passieren muss, bevor gegen Gewalt gegen Kinder gearbeitet wird. Die Fachtagung des Qualitätsbünis Sport NRW des Landessportbunds NRW „Schweigen schützt die Falschen – Sexuelle Übergriffe unter Kindern und Jugendlichen – Erkennen – Handeln – Vorbeugen“ behandelte am vergangenen Samstag diese Probleme in Köln. Für den JSV Lippstadt war das langjährige Mitglied und Teil des Trainerteams der Abteilung Judo Philipp Henke als Teilnehmer an dieser Tagung beteiligt. Die medial aufgearbeiteten Skandale der letzten Jahre, wie an der Odenwald Schule, die Missbrauchsvorwürfe gegen die katholische Kirche oder die Me Too Debatte, sollen nicht totgeschwiegen und verschleiert werden. Vielmehr geht es darum, aus ihnen zu lernen und zu merken, dass das Motto der Tagung auch ein Mantra ist: Schweigen schützt die Falschen. Doch welche Maßnahmen gibt es, damit es gar nichts zu verschweigen gibt? Im Rahmen der Tagung beschäftigten sich die Teilnehmer mit dieser Frage in einem Workshop. Dies taten sie unter der Leitung des Referenten Robert Wagner vom LSB NRW, der in der Trainerausbildung tätig ist. Es galt Konzepte kennenzulernen, die die Kinder lehren ihr eigenes Wohlbefinden zu verteidigen, das der anderen zu achten und sich an Vertrauenspersonen zu wenden, falls ihnen oder einem anderen etwas passiert. Hauptschwerpunkt war hierbei die Prävention. Nach einer kurzen Pause ging es in einem weiteren Workshop darum, welche Schritte einzuleiten sind, falls ein sexueller Übergriff stattgefunden hat und welche Institutionen die betroffenen Personen beraten und unterstützen. Das duo Volker Schattenberg und Ruth Habeland von „die Brücke“ ließen die Teilnehmer an ihren Erfahrungen in der Therapie teilhaben. Auch hier stand der Schutz der Opfer an erster Stelle. Ebenfalls in diesem Workshop vermittelt wurde die Notwendigkeit reflektiven Handelns, wenn man sich damit konfrontiert sehen sollte, dass jemand im näheren Umfeld ein Opfer sexueller Gewalt geworden ist. Ebenso wichtig ist in der heutigen Zeit der Umgang mit sexueller Gewalt im Internet und Cybermobbing geworden. Der Experte Tobias Schmölders vom AJS (Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz NRW) verwies im Rahmen eines Vortrags darauf, wie wichtig es ist, den Kindern und Jugendlichen den verantwortungsbewussten Umgang mit Social Media beizubringen. Die dazu gehörenden Bewältigungsstrategien erarbeitete er mit den Teilnehmern ebenfalls in einem Workshop. Welche Kriterien allerdings für sexuelle Gewalt vorliegen und was normales sexuelles Verhalten ist, hat Dr. Marc Allroggen, Oberarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie im Universitätsklinikum Ulm, in einem anderen Vortrag vertieft. Auch dieser wurde aufgearbeitet in einem Workshop geleitet von Daniela Mohrs von der Lobby für Mädchen e.V., die die Entwicklungsprozesse und sexualpädagogische Ansätze vermittelt.
Zum Schluss der Tagung wurde das Theaterstück „Anne Tore sind wir stark“ gezeigt. Mit einer Zielgruppe von acht bis zwölf jährigen Kindern vermittelt dieses interaktive Stück spielerisch, wie Kinder damit umgehen sollen, wenn sie mit sexueller Gewalt konfrontiert werden, ohne zu erschrecken oder das Thema zu verharmlosen.
Sexuelle Gewalt gegen Kinder, egal von wem ausgehend sind generell ein unbequemes Thema. Viele Menschen beschäftigen sich erst damit, wenn sie betroffen sind. Das Problem damit ist, dass der Schaden dann schon passiert ist. Der JSV Lippstadt hat nun einen Schritt in die Richtung getan, diesen Schaden zu vermeiden. Leider bleibt das Thema ein aktuelles, aber der JSV Lippstadt hat es schon immer ernst genommen und auch schon immer seinen Mitgliedern ein sicheres zu Hause gegeben.